Mit Moos gegen den Dreck

Der Theodor-Heuss-Ring in Kiel ist eine der dreckigsten Straßen Deutschlands. Die Stickoxid- und Feinstaubwerte liegen regelmäßig deutlich über den zulässigen Höchstgrenzen liegen. Auch die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart kennt dieses Problem. Dort setzen Forscher eine Wand aus Moos gegen den Feinstaub ein.

Die Idee, Schadstoffe mit Moos zu binden, arbeitete die Universität Bonn bereits vor Jahren aus – allerdings stets nur in der Theorie und im Labor. Der Stuttgarter Forscher Dr. Martin Nebel setzte sie als erster im Freiland um. Als Pilotprojekt trieb er maßgeblich die Stuttgarter Mooswand voran. Dabei handelt es sich um ein 100 Meter langes und 3 Meter hohes Metallgestell, in das zahlreiche Moospaneele eingelassen sind. Die Wand wurde Anfang 2017 an der Cannstatter Straße in Stuttgart errichtet – der „dreckigsten Straße Deutschlands“.

„Die Senkrechtstellung bringt bereits das erste Problem mit sich“, berichtet Dr. Holger Thüs vom Staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart, der die biologische Federführung des Projektes von Martin Nebel übernommen hat, im Kiel FM Interview. „Die Moose werden in gewohnter, waagerechter Position aufgezogen und dann senkrecht aufgestellt. Das ist für die Pflanzen natürlich nicht optimal.“ Doch die Senkrechtstellung war für präzise Messungen erforderlich.
Als ein weiteres Problem stellte sich innerhalb kürzester Zeit die Bewässerung der Mooswand heraus: Zwischenzeitlich starb ein Drittel des Mooses ab und musste ausgetauscht werden. Außerdem befanden sich in den Moospaneelen invasive Moosarten, mit denen die Forscher nicht gerechnet hatten. „Diese Moose waren als ‚Problem-Moose‘ bekannt, sie sind aus der Wand entkommen und haben die Umgebung beeinträchtigt“, berichtet Holger Thüs.

Warum eigentlich Moos? Diese Pflanze ist zunächst sehr tolerant gegen widrigste Umgebungsbedingungen und überlebt auch die „dreckigste Straße Deutschlands“. Zudem verlieren Moose im Winter ihre Blätter nicht und bleiben so durchgehend stoffwechselaktiv, können also das ganze Jahr über Schadstoffe binden. Die Schadstoffe setzen sich auf den Blättern ab und werden von einer bakteriellen Gemeinschaft gebunden, teilweise sogar verstoffwechselt. Blätter anderer Pflanzen stoßen Feinstaub durch eine Schutzschicht ab.

„Natürlich kann die Mooswand nicht den kompletten Feinstaub binden“, betont Holger Thüs gegenüber Kiel FM. „Aber wir wissen, dass die Wand auf jeden Fall einen Teil gebunden hat.“ Im April 2018 wurde sie abgebaut, ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant. Derzeit erfolgen Vergleichsmessungen an der Cannstatter Straße, um beurteilen zu können, wie viel Schadstoffe die Wand tatsächlich gebunden hat. Genaue Ergebnisse werden im Sommer erwartet.

Sollte sich die Mooswand tatsächlich als ein effektives Mittel zur Feinstaubreduktion erweisen, dürfte zunächst Arbeit in eine Optimierung investiert werden. Die Senkrecht- könnte beispielsweise durch eine Schrägstellung ersetzt werden, die für das Moos verträglicher ist. Auch auf zahlreiche andere Erfahrungswerte können die Stuttgarter Forscher nun zugreifen.
Am Kieler Theodor-Heuss-Ring würde die Installation einer Mooswand jedoch vermutlich an Platzmangel scheitern: Zwischen Straße und Wohnhäusern befinden sich bisweilen nur wenige Meter. Auch der Mittelstreifen bietet zu wenig Raum für eine Mooswand. Mit gewisser Spannung dürfte man die Ergebnisse zum Mooswand-Projekt allerdings auch in Kiel erwarten.

Sendedatum: 02. Juni 2018

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